Humanities

Philosophy, Literary Theory, Cultural Studies and History

Teaching

  • Winter 2026/27, LMU Munich
  • Summer 2026, LMU Munich

    • Der Begriff der 'Literarischen Öffentlichkeit', den Jürgen Habermas in seiner Habilitationsschrift zum Strukturwandel der Öffentlichkeit so einflussreich behandelt hatte, ist in den letzten Jahren Gegenstand einer halbwegs erbitterten Debatte über den heutigen Zustand sowohl dieser Öffentlichkeit als auch der Literatur selbst und stellvertretend über den sogenannten 'Midcult' (d.i. 'Kitsch', der künstlerische Tiefe nur suggeriere) geworden. Dahinter steht letztlich auch die Frage, welche gesellschaftliche Relevanz Literatur – noch – reklamieren kann. Diese Debatte kann allerdings nur dann produktiv geführt werden, wenn ihre terminologischen Voraussetzungen geklärt sind. Das Seminar möchte daher zunächst die Theoriegeschichte der 'Öffentlichkeit', sei sie literarisch oder politisch, beleuchten und anschließend einen Blick auf die gegenwärtigen Debatten werfen.
      Dabei kommt zunächst Habermas' eigene Konstruktion in den Blick, die gleichermaßen Konsequenzen für die Politikwissenschaft, für die Historiographie und auch für die Literaturtheorie hatte. Bereits die Unterscheidung von 'privat' und 'öffentlich' ist nicht voraussetzungslos. Der weiterführende Begriff der 'Literarischen Öffentlichkeit' muss sowohl auf seine normativen Implikationen, als auch auf seine historische Entwicklung hin untersucht werden. Seine Brisanz lässt sich dabei besonders am historischen Kontext der Französischen Revolution aufweisen, die vor dem Hintergrund neu etablierter Konzepte wie der 'öffentlichen Meinung' sich ereignete, die ihrerseits eng mit der 'Literatur' – wie etwa mit den Debatten um die Komödien Beaumarchais' – verflochten waren.
      Weiter kommen dabei Kontexte in den Blick, in denen Literaten kritischen Einfluss auf die Öffentlichkeit ausüben konnten. Paradigmatischen Charakter hat hier die 'Dreyfus-Affäre' um Émile Zola, doch steht dabei letztlich das Bild des Intellektuellen selbst in Frage, das besonders das 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat. Auch beansprucht die Literatur selbst seit langem ein gesellschaftskritisches Potenzial. Umgekehrt hat die Öffentlichkeit die Literatur stets kritisch beäugt und das Phänomen der Literaturkritik von Saint-Beuve bis Reick-Ranicki muss daher genauso beleuchtet werden. Zudem haben die Vertreter der Kritischen Theorie das Verhältnis von Literatur und Öffentlichkeit auf ganz eigene Weise gefasst, die neue theoretische Fragen aufgeworfen hat.
      Schließlich können vor dem Hintergrund der vorgenommenen Begriffsklärungen die aktuellen Entwicklungen besser begriffen werden. Dabei sind einerseits neu aufgekommene literarische Phänomene von 'Midcult' bis New Adult zu beleuchten, andererseits müssen diese in Relation zu Transformationen der tatsächlichen Leserschaft von Literatur und deren Auswirkungen gesetzt werden – und dies kann nicht ohne Einbezug neuartiger Formen literarischer Öffentlichkeit wie dem Social Media-Phänomen "BookTok" oder der 'Fan Fiction' geschehen.
      Die Auswirkungen der gegenwärtigen Veränderungen der Literatur wie ihrer 'Öffentlichkeit' sind zu gewichtig, um sie schlicht zu ignorieren oder durch Verweis auf normative Qualitätsmaßstäbe zu marginalisieren. Was sie für die Literaturwissenschaft bedeuten werden, steht noch nicht fest – aber einen ersten Blick kann und sollte man riskieren.
  • Winter 2025/26, LMU Munich

    • Die Literatur hat ihre anfängliche Affinität zur Musik nie völlig verloren. Sowohl historisch als auch systematisch lassen sich unzählige Linien zwischen den beiden Komplexen ziehen, bis selbst die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen.
      Literatur als Musik betrachtet verweist zunächst auf die lange Tradition, die Lyrik als Gesang zu begreifen, die bereits auf die lyrischen Versmaße der Antike, die Aufführungspraxis der Chorlyrik Pindars und noch den Chor der attischen Tragödie (Aischylos) zurückgeht. Diese Tradition lebt fort bis in die moderne Lyrik und weiter zur Verleihung des Literaturnobelpreises an einen Singer/Songwriter im Jahr 2016. Theoretischen Ertrag bieten Nietzsches Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, Adornos Texte zu Literatur und Musik oder auch Hegels Ästhetik, die die Gemeinsamkeit beider in Rhythmus und Klang suchte.
      Daneben ist Literatur in Musik verarbeitet worden. Hier kommen zunächst naheliegende Phänomene wie das romantische Kunstlied und die Oper (von der Hochzeit des Figaro bis zur Dreigroschen-'oper') in Frage, doch auch die Verwendung nationalistischer Gedichte als 'Hymnen' etwa ist ein relevantes Thema für die Kulturtheorie. Verkompliziert wird die Relation von Literatur 'in' Musik dort, wo es sich um Instrumentalmusik handelt, wie in Stan Traceys Jazz-Adaption von Dylan Thomas' Hörspiel Under Milk Wood. Die komplizierten Beziehungen, die hier entstehen, müssen nicht zuletzt aus dem Blickwinkel der Intermedialitätstheorie beleuchtet werden.
      Zuletzt ist umgekehrt bisweilen Literatur über Musik geschrieben worden. Klassische Beispiele sind hier etwa Tolstois Kreutzersonate, Toni Morrisons Jazz und besonders Thomas Manns Doktor Faustus. Die motivischen wie strukturellen Funktionen der Musik in diesen Werken erzeugen ganz eigene Aporien und stellen einmal mehr die Trennschärfe der Kategorien in Frage, von der initial ausgegangen werden muss.
      Das Seminar möchte die Relation von Literatur und Musik sowohl theoretisch als auch anhand konkreter Beispiele der Literatur- und Musikgeschichte beleuchten und dabei gerade die historische Variabilität dieser Relation herausstellen. Bei aller Variation wird allerdings auch klar, dass Literatur und Musik nie völlig unverbunden waren.
  • Summer 2025, LMU Munich

    • Die Kategorie der 'populären' Literatur hat für die Literaturwissenschaft regelmäßig einen Grenzbegriff dargestellt, der ganze Korpora von Texten aus der Literatur im 'engeren' Sinn ausgrenzte und die 'hohe' Literatur damit erst definierte. Das Seminar möchte sich in diesem Grenzgebiet bewegen und einige seiner Marken betrachten.
      Zunächst wird es dabei erforderlich sein, den Begriff selbst und seine Verflechtung mit verwandten Konzepten der Literaturtheorie näher zu analysieren. Dabei muss die Trivialliteratur genauso in Betracht kommen wie die 'volkstümliche' Literatur, die Massenliteratur oder auch die Pop-Literatur.
      In einem zweiten Schritt werden die evaluativen Tendenzen des Begriffkomplexes zu hinterfragen sein, da ja durchaus nicht klar ist, warum gerade Popularität geeignet sein sollte, ganze Klassen von Texten aus der 'hohen' Literatur auszugrenzen. Einschlägige Themen sind hier etwa Bourdieus Theorie des literarischen Feldes und die Genieästhetik, aber auch Theorien der Massenkultur im Umfeld der Frankfurter Schule; und auch die Affinität von populärer Literatur und Roman muss hier thematisch werden.
      Die schattenhafte Kehrseite der Popularität wird zudem unter den Kategorien von Klischee und Kitsch zugänglich. Dass auch diese Kategorien auf Evaluationen beruhen, liegt auf der Hand, doch ist zu fragen, ob darüber hinaus die entsprechenden Texte strukturelle Merkmale aufweisen, die ihre traditionelle Abwertung erklären.
      Zuletzt wird es interessant sein, die Geschichte jener Korpora zu sichten, deren Existenz an der Grenze der Literatur schon seit den antiken 'Romanen' ein Problem für die Philologie ergab – seien das die populären Fortsetzungsromane des 19. Jahrhunderts, der Kitsch und die Genreliteratur (Science Fiction und Fantasy) des 20. Jahrhunderts oder natürlich Massenphänomene wie die Harry Potter-Romane, die die Literaturwissenschaft oft geflissentlich zu übersehen geneigt war.
      Populäre Literatur mag bisweilen 'literarischen Wertes' ermangeln, doch ist es umgekehrt jener literarische Wert, der seine theoretische Valenz erst ausweisen muss, soll er für die Literaturtheorie von Nutzen sein. Erst wenn wir wissen, was eigentlich populäre Literatur ist, können wir entscheiden, ob sie mehr als die Grenze der Literatur überhaupt darstellt.
  • Winter 2024/25, LMU Munich

    • Über der Angewohnheit der postmodernen Literaturtheorie, den 'revolutionären' Charakter der Literatur selbst geradezu exzessiv zu betonen, ist bisweilen aus dem Blick geraten, welche Rolle die Literatur tatsächlich im Kontext historischer Revolutionen und Beinahe-Revolutionen gespielt hat. Eine ähnliche Konsequenz hat bis heute die noch ältere Angewohnheit der Literaturwissenschaft, die sogenannte 'Populärliteratur' zu marginalisieren und ihr inbesondere revolutionäres Potenzial weitgehend abzusprechen.
      Das Seminar möchte einen alternativen Blickwinkel bieten und aus kulturtheoretischer Perspektive die Verzahnungen von Revolution und Literatur im Zeitraum von 1749 bis 1852, gerade auch (aber nicht nur) abseits der 'hohen Kunst', beleuchten.
      Dass gerade im Vorfeld der Französischen Revolution etwa populäre Gedichte, die sich in den Straßen von Paris verbreiteten, eine zentrale Rolle als Brandbeschleuniger gespielt haben, ist für das historische Verständnis mindestens ebenso wichtig wie das aufklärerische Gedankengut, das jedoch ungleich prominenter verhandelt wird. Dass gerade der britische Chartismus im 19. Jahrhundert – der kurz vor der Revolution stehenblieb – ein stark literarisch geprägtes Phänomen war und dessen Autoren zu ihrer Zeit die Leserzahlen des Zeitgenossen Dickens ausstachen, ist kaum mehr bekannt.
      Bei der Betrachtung der einflussreichen Literaturen dieser Revolutionen ist erstens zu untersuchen, welcher Themenapparat und welche korrespondierenden Interessen der Autoren und Rezipienten aufzufinden sind und welches Bild der 'Situation' und der Handlungsoptionen die Werke zeichneten. Dabei kommen gerade auch in der literarischen Bearbeitung zentrale Begriffe wie die Lebensumstände des 'Volkes', der Status von 'Bürgern' oder 'Arbeitern' und Konzepte von 'Menschenrechten' ebenso in den Blick wie die Identität derer, gegen die revoltiert werden soll. So wird zweitens beobachtbar, dass Subjekte und Gegner der Revolution erst schrittweise begriffliche Gestalt erhalten. Revolutionen finden nicht spontan statt – sie erfordern konzeptuelle Arbeit, die es erst ermöglicht, etwas 'Neues' zu denken. Solche Konzeptionen werden dann drittens relevante Wirkungsfaktoren im Handeln der Rezipienten. Hier ist zu fragen, welche Rolle die Literaturen dabei gespielt haben mögen, die Revolution tatsächlich herbeizuführen.
      Insbesondere auch 'populäre' Literaturen zu betrachten, ermöglicht dabei einen kulturtheoretischen Blick, der ein besseres Verständnis davon verspricht, wie die so oft auf die 'Geistesgeschichte' zugerechneten historischen Ereignisse sich aus der Sicht der tatsächlich Beteiligten dargestellt haben werden. Literatur kann revolutionär sein, Revolution aber auch literarisch bedingt.
  • Summer 2024, LMU Munich

    • Der Begriff der Kultur wird so oft mit dem der Literatur assoziiert, dass man den Eindruck gewinnen mag, die Relation der einen zur anderen läge auf der Hand. Tatsächlich stellen sich bezüglich dieser Beziehung fundamentale Fragen, die mit literaturtheoretischen Problemen verwoben sind:
      Da ist erstens die Identifikation von Kultur mit "hoher Literatur", deren Problematisierung im Anschluss an Raymond Williams zum Ausgangspunkt der Cultural Studies geworden ist. Sowohl die Reduktion der Literatur auf die "hohe Kunst" als auch die Verkürzung der Kultur auf die sogenannte "Hochkultur" tendiert zu einer Verzerrung der Phänomene und diese traditionelle Sichtweise von Literatur als Kultur – oder gar umgekehrt – zu korrigieren, bleibt ein zentrales Anliegen der modernen Kultur- und Literaturwissenschaft.
      Zweitens tritt Literatur selbst in Relationen zu Kultur da, wo sie deren Phänomene wiedergibt, verstärkt, verbreitet oder kommentiert, sei das als bloße 'Beobachtung' der Gesellschaft (Luhmann) oder gar als deren 'Affirmation' (Marcuse). Solche Relationen reichen von offener Propaganda (etwa des Augusteischen Kaiserreichs) über Inkorporierung kultureller Phänomene (wie Konzepten 'romantischer' Liebe) in literarische Kontexte zu diffizilen zeitgenössischen Komplikationen (wie Jacques Rancières 'Regimen' der Kunst).
      Zuletzt kann Literatur drittens in 'gegenkulturellen' Kontexten in kritischer Absicht operieren und das vor allem auch jenseits der intellektuell dignifizierten Gattungen, wie etwa die kulturelle Vorgeschichte der Französischen Revolution oder die jüngere Punk-Kultur zu illustrieren geeignet sind – und auch solche Relationen weisen eine kompliziertere Dialektik auf, als es auf den ersten Blick scheinen mag.
      Das Seminar möchte die oben skizzierten Fragenkomplexe zur Relation von Literatur und Kultur – und damit immer auch die beiden Termini selbst – anhand theoretischer und literarischer Texte beleuchten und eine Einführung in kulturtheoretische Perspektiven der Literaturwissenschaft bieten. Literatur mag Kultur sein – vielleicht liegt die Sache aber auch ein wenig komplizierter.
  • Winter 2023/24, LMU Munich

    • Eine beliebte und durchaus produktive Strategie der modernen Literaturwissenschaft besteht darin, den Begriff der 'Literatur' möglichst weit zu fassen, sodass darunter nicht nur die offensichtlichen Kandidaten von Goethe bis zu den Nobelpreisträgern fallen, sondern auch so unterschiedliche Texte wie das Gilgamesch-Epos, römische Lehrgedichte und mittelalterliche Ritterromane unter dem Titel firmieren. Dies hat den Blick der Literaturwissenschaft freilich enorm geweitet und Phänomene erst in den Blick kommen lassen, die bis dahin nicht für der Beachtung wert gehalten worden waren.
      Nun führt allerdings umgekehrt diese Ausweitung des Umfanges der Literatur zu bekannten Aporien, versucht man, zu definieren, was eigentlich Literatur sei, wenn darunter sowohl Epikur als auch Shakespeare fallen sollen. Diese Definitionsschwierigkeiten legen den Gedanken nahe, dass selbst wenn man all diese historischen Phänomene als Literatur bezeichnen möchte, sie das doch keinesfalls im selben Sinn sein können – und dass dann wiederum, was wir heute Literatur nennen, keineswegs immer existiert hat und vielleicht nicht einmal immer existieren wird.
      Das Seminar möchte von diesem Gedanken ausgehend untersuchen, wann es Literatur gab – d.i.: in welchen konkreten historischen Kontexten ein gesellschaftlicher Rahmen existiert hat, der es erlaubt, im heutigen, engeren Sinne von 'Literatur' zu sprechen. Dazu sollen sowohl 'literarische' wie auch poetische und theoretische Texte in den Blick kommen und sowohl inner-literarische Perspektiven als auch die sozialen Bedingungen literarischer Produktion verhandelt werden. Zentrale historische Kontexte, auf die das Seminar fokussiert, sind dabei unter Anderen der Hellenismus (von Kallimachos zu Catull), die Renaissance (über Petrarca) und die – sogenannte – Moderne (zwischen Dickens und Handke). Dass dies keine erschöpfende Liste von Zeiten, als es “Literatur gab” darstellt, liegt auf der Hand – doch hilft eine Untersuchung solcher konkreter sozialer Handlungszusammenhänge dabei zu verstehen, wann und in welchem Sinn es solche Literatur gegeben hat, was die Regeln von 'Literatur' und Literaturwissenschaft sind – und auch was das für die Zukunft der Literatur bedeutet.
      Dass Kallimachos und Peter Handke Literaten sind, lässt sich schlecht bestreiten – aber ob das auch für Homer gilt, erfordert zumindest eine Untersuchung.
  • Summer 2023, LMU Munich

    • Die literarische Gattung der Erzählung stellt einen merkwürdigen Sonderfall dar, da sie unter den epischen Gattungen zugleich als exotischer Randfall und gar als deren Paradigma zu fungieren scheint. Während Paul Heyses Novellentheorie in ihrem poetischen Charakter inzwischen geradezu zu einem germanistischen Kalauer degeneriert ist, stellt sich die Frage nach dem literaturtheoretischen Status der Erzählung erneut, denn diese bildet einen Fluchtpunkt ungewöhnlich vieler Fragestellungen, die zum Kern der Literaturtheorie gehören.
      So scheint die Erzählung zunächst unmittelbar mit der Frage nach den 'Wurzeln' der Literatur überhaupt in Verbindung zu stehen. Gerne wird auf anthropologische Konstanten und den Menschen als animal symbolicum oder homo narrans rekurriert, um die Literatur aus dem Geschichtenerzählen und ihre Gattungen etwa aus den Einfachen Formen André Jolles herleiten zu können. Berechtigt ist freilich der Verweis auf den Umstand, dass Erzählungen zu den zentralen Gestaltungselementen bereits der Homerischen Epen gehören, die einem Ursprung der 'abendländischen' Literatur immerhin sehr nahe kommen.
      Zweitens stellt die Erzählung, versteht man sie als Struktur und nicht als Gattung, den Gegenstand eines großen Zweiges der Literaturwissenschaft dar, der Narratologie nämlich. Die Frage, in welcher Beziehung diese beiden Lesarten des Wortes 'Erzählung' stehen, ist dabei nicht einfach zu beantworten und verweist auf die Grenzen des narratologischen Instrumentariums, das seine Anwendbarkeit in dem Maße zu verlieren scheint, in dem sich die Erzählung – als Struktur – von der Erzählung – als Gattung – entfernt.
      Zuletzt ist mit dem Begriff des Narrativs ein methodisches Hilfsmittel entstanden, das in einer Übertragung erzählerischer Kategorien auf gesellschaftliche Zusammenhänge diese der literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschung zugänglich zu machen versprach. Die Forschungen Hayden Whites zu den literarischen Gattungen der Geschichtsschreibung sind hier ebenso zu nennen wie neuererdings Albrecht Koschorkes allgemeine Erzähltheorie.
      Das Seminar möchte die Frage nach dem literaturtheoretischen Status der Erzählung in den angedeuteten Fluchtlinien verhandeln und ausgewählte Erzählungen mit einschlägiger Theorie kontextualisieren – denn ob die Erzählung ein Manierismus des 19. Jahrhunderts ist oder aber die zentrale Gattung der Literatur überhaupt, scheint nicht völlig klar zu sein.
  • Winter 2022/23, LMU Munich

    • Der Herausbildung des heute gebräuchlichen Begriffes von 'Literatur' vor etwa 200 Jahren korrespondierte nahezu gleichursprünglich die Erfindung einer Disziplin, deren Benamung als Literaturwissenschaft bisweilen die Vielfältigkeit der Tätigkeiten kaschiert, die unter diesem Titel betrieben werden. Die Aufgabe der Literaturwissenschaft scheint ebenso wenig klar definiert zu sein wie deren Methodik und beide sind Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen geworden. Das Seminar möchte dieser Frage und ihrer Geschichte nachspüren.
      Eine altehrwürdige Tradition verweist dabei auf den Begriff der 'Philologie' als der Liebe zum Logos, sei das Sprache oder Literatur. Vertretern dieser Konzeption gerät die liebevolle Beschäftigung mit der Literatur geradezu zum Selbstzweck und die Kategorisierung als 'Wissenschaft' wird nur zu gerne preisgegeben. Die Auseinandersetzung mit diesem Konzept zieht sich bis in die moderne Literaturtheorie, etwa in Gestalt der Arbeiten Roland Barthes'.
      In Kontrast hierzu steht die Konzeption der Geisteswissenschaft, die im Anschluss an romantische Theoreme und insbesondere an Überlegungen Wilhelm Diltheys den hermeneutischen Begriff des Verstehens in den Mittelpunkt stellt. Diese weiterhin gängige Konzeption, die etwa die 'Interpretation' von Werken zur Kernaufgabe der Literaturwissenschaft stilisieren will, hat Jürgen Habermas wirkmächtig kritisiert und ihr nachgewiesen, dass ihr eine Analogiebildung zu den Naturwissenschaften zugrundeliegt, die gesellschaftliche Struktur wie Aufgabe der 'Geisteswissenschaften' zu kaschieren geeignet war. Habermas' Begriff des Erkenntnisinteresses kann als Kristallisationspunkt der Fragestellung des Seminars dienen.
      Eine neuere konzeptuelle Linie schließlich möchte die Literatur wie ihre Wissenschaft auf verborgene Voraussetzungen untersuchen und deren ideologischen Charakter aufzeigen, sei es aus metaphysikkritischer (Derrida), marxistischer (Jameson) oder kulturwissenschaftlicher (Williams) Perspektive. Der Derrida'sche Begriff der Dekonstruktion steht hier längst stellvertretend für eine Klasse von literaturwissenschaftlichen Operationen, die sich den Kategorien der Philologie und der Geisteswissenschaft nicht mehr subsumieren zu lassen scheinen.
      Das Seminar möchte einen Überblick über die verschiedenen Erkenntnisinteressen – Verstehen, Lieben und Zerstören – der Literaturwissenschaft geben und damit nicht zuletzt einen methodischen Bezugsrahmen zur Verfügung stellen: denn es forscht sich leichter, wenn man weiß, was man wissen will.
  • Summer 2022, LMU Munich

    • Noch vor Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich eine Entwicklung vollzogen, die durch eine merkwürdige innere Dynamik gekennzeichnet ist. Auf der einen Seite steht der soziale Prozess, den Luhmann als 'Ausdifferenzierung' eines Systems beschrieben hat und dessen Ergebnis war, dass die Literatur – wie die Kunst überhaupt – nun einen eigenständigen sozialen Handlungszusammenhang bildeten, der der Steuerung des Marktes zu unterliegen begann. Aus dieser Perspektive wurden Autoren zu Produzenten einer Ware, die sie ebenso bewerben und verkauften mussten wie jeder andere Produzent. Nun fand aber auf der kulturellen Seite des Prozesses eine nahezu gegensätzliche Bewegung statt: die Ausbildung des Genie-Begriffs, der die 'Produkte' genialer Autoren zu einer Entität zu verklären geeignet war, die gemeiner 'Ware' nicht mehr kommensurabel gemacht werden konnte. Diese gegenläufige Entwicklung steht im Kontext der Entstehung des Begriffes von "Kunst als solcher" (art-as-such, wie M.H.Abrams das Phänomen genannt hat) und der Idee der Interesselosigkeit von Kunst, des l'art pour l'art.
      Ikonisch für diese beiden Aspekte desselben Prozesses stehen die Prometheus-Idee auf der einen Seite, die spätestens in Gestalt der einschlägigen Hymne Goethes zur Figuration der Gottgleichheit des Autors – und damit der Preislosigkeit seiner Erzeugnisse – wurde. Auf der anderen Seite ließ diese Idee doch stets den Verdacht zu, diese Preislosigkeit impliziere nur Unbezahlbarkeit. Aus dieser Perspektive erscheint die Konstruktion der Genie-Idee wahlweise als Abwehrmechanismus gegen die Zumutung der Marktteilnahme überhaupt oder als verschlagener Trick der Preissteigerung. Pierre Bourdieu hat diese 'Küchensoziologie' wiederum als den 'Thersites-Blick' bezeichnet – und selbst versucht, die Alternative zwischen 'Unschuld' und 'Zynismus' durch die Idee einer 'institutionellen Transzendenz' zu vermitteln.
      Das vorgeschlagene Seminar möchte die unmögliche Wahl zwischen Naivität und Zynismus beleuchten, vor die der soziale Kontext der Entstehung des Genie-Gedankens den Literaturwissenschaftler zu stellen scheint: den Autor entweder als einen Gott oder als einen Bauernfänger zu betrachten. Dazu soll die Entwicklung der Genieästhetik – ausgehend von Kant, Schiller, Goethe und Wordsworth – einerseits und die literatursoziologischen Hintergründe der Ausdifferenzierung der Literatur zu einem sozialen System (Luhmann), insbesondere vor dem Hintergrund der Entstehung des Urheberrechts (Woodmansee), andererseits betrachtet werden. Eine Erweiterung des Blickwinkels wird zuletzt möglich durch die Einbeziehung rezeptions- und institutionstheoretischer Aspekte (Eco, Fish, Bourdieu) – und so wird sich letztlich wohl auch vermeiden lassen, Prometheus nur durch die Augen des Thersites zu betrachten.
  • Summer 2021, LMU Munich

    • Dass Literatur und Geschichtsschreibung einen Zusammenhang aufweisen, ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass es sich jeweils um Texte handelt, und ist nicht erst bekannt, seit der Historiker Theodor Mommsen 1902 den Literaturnobelpreis erhielt. Die Frage nach diesem Zusammenhang markiert seit Langem ein problematisches Grenzgebiet der Literaturtheorie.
      Das Seminar behandelt drei Themenkomplexe, die sich an der Schnittstelle von Literatur und Geschichtsschreibung ansiedeln. Da ist zum einen die Frage nach dem literarischen Charakter von Geschichtsschreibung, nach ihren narrativen Strukturen und insbesondere auch die Frage nach deren Funktionen. Bekannte Ansätze entstammen hier etwa den Ideen Benedetto Croces, Reinhart Kosellecks oder Hayden Whites.
      Die gewissermaßen entgegengesetzte Fragestellung fokussiert auf das Auftreten historischer Fakten in der Literatur und hat zu zentralen Forschungsgegenständen vor allem den historischen Roman und seine Kehrseite, die sogenannten 'Alternativgeschichten', wie etwa Philip K. Dicks unlängst wieder zu neuem Ruhm gelangten Roman The Man in the High Castle. Diese Phänomene werfen Fragen nach der wissensvermittelnden Funktion von Literatur, ihrer trennscharfen Abgrenzbarkeit und insbesondere nach dem Status der Kategorie der Fiktionalität auf, die ein beliebtes, jedoch problematisches Abgrenzungsmerkmal zur Geschichtsschreibung hin darstellt.
      Drittens hat die Theorie der Historiographie eminente Auswirkungen auf die Literatur- und Kulturtheorie gehabt. Dies zeigt sich etwa in der Geschichte der modernen Hermeneutik im Anschluss an Gadamers Wahrheit und Methode oder in der Hegel'schen Geschichtsphilosophie, deren Spuren sich über Umwege bis in die moderne Literaturtheorie verfolgen lassen.
  • Summer 2020, LMU Munich

    • Die Geisteswissenschaften des 20. Jahrhunderts waren durch eine Vielzahl fundamentaler Umbrüche geprägt, die neue Paradigmen, Erkenntnisinteressen und Methoden mit sich brachten. Einer der folgenreichsten dieser Umbrüche war Edmund Husserls Begründung der Phänomenologie. Husserls kompromissloser Ansatz führte zu einer radikal neuen Methode, sich der eigenen Wahrnehmung und impliziter Erkenntnisprämissen bewusst zu werden, die innovative Ansätze in Philosophie und Philologie nach sich zog.
      Die Nachwirkung Husserls ist kaum zu überschätzen und zeigt sich in so unterschiedlichen Rezeptionslinien wie der Philosophie Martin Heideggers, dem Existenzialismus Jean-Paul Sartres oder der Literaturtheorie Roman Ingardens, und ebenso in der vehementen Kritik Jacques Derridas, die geradezu als Initialzündung des Poststrukturalismus begriffen werden kann.
      Wir wollen ausgehend von den Originaltexten Husserls die Entstehung und die Grundgedanken der Phänomenologie nachvollziehen, ihre vielfältige Weiterentwicklung bis in die moderne Literaturwissenschaft hinein verfolgen und dabei insbesondere die Frage behandeln, welche Konsequenzen und welchen Gewinn ein phänomenologischer Ansatz für die Literaturtheorie mit sich bringen kann.
  • Summer 2019, LMU Munich

    • Das Konzept literarischer Gattungen stellt von je her ein literaturtheoretisches Problem dar. Einerseits scheint auf der Hand zu liegen, dass es solche Gattungen gibt – immerhin kann ich in einen Buchladen gehen mit der Intention einen 'Roman' zu kaufen und werde eine Abteilung mit Büchern vorfinden, die meine Erwartung erfüllen. Andererseits sind diese Gattungen offenbar von einer hohen historischen Variabilität – der Begriff 'Roman' selbst ist noch sehr jung. Auch wird die Zuordbarkeit von einzelnen Werken zu Gattungen regelmäßig zum Problem, da nicht nur Werke oft Merkmale verschiedener Gattungen aufweisen, sondern auch Gattungsgrenzen häufig geradezu als Aufforderung begriffen werden diese zu übertreten. Die Theorie der Gattungen hat auf verschiedene Arten versucht dieser Problematik Herr zu werden, von deduktiven über induktive Ansätze bis hin zu komplexeren, die etwa die Interaktion von Gattung und Werk in rezeptionsästhetischen Erwartungshaltungen verorten. Wichtige Autoren sind hier etwa Aristoteles, Szondi, White, Derrida und Bourdieu.
      Das Seminar möchte eine Einführung in die Vielfalt gattungstheoretischer Ansätze bieten und anhand dieser erörtern, welche Konsequenzen fundamentale literaturtheoretische Positionen für die Gattungstheorie mit sich bringen und umgekehrt: warum nahezu jede literaturtheoretische Strömung die Problematik literarischer Gattungen einmal verhandelt hat. Die gattungstheoretische Frage scheint einen Fluchtpunkt verschiedener Richtungen der Literaturtheorie zu bilden und bietet so eine Gelegenheit ihre Ansätze immer wieder auf deren Leistungsfähigkeit zu prüfen. Sie verweist so auf allgemeinere Fragen, wie etwa solche nach der Möglichkeit wissenschaftlicher Behandlung von Literatur überhaupt, nach der Relation von Literatur und menschlicher Kommunikation im Allgemeinen und nach der Beziehung von Literatur und Gesellschaft. Solche Fragen sind freilich nicht in einem Semester zu klären – aber man kann es ja einmal versuchen.
  • Summer 2018, LMU Munich

    • In Darstellungen des sogenannten 'Methodenkanons' der Literaturwissenschaft tauchen regelmäßig als letzter Eintrag die Cultural Studies auf, was nahezulegen scheint, dass diese nach Strukturalismus, Dekonstruktion und Diskursanalyse den neuesten Beitrag zum Analyseinstrumentarium des heutigen Literaturwissenschaftlers darstellen. Was jedoch diese 'Methode' ausmacht und was die Fragestellung ist, von der sie ausgeht, lassen diese Darstellungen meist im Dunkeln. Vielmehr gewinnt man schnell den Eindruck, dass es sich bei den Cultural Studies um eine Vielzahl von Ansätzen handelt, die kaum mehr Gemeinsamkeiten aufweisen und deren Relevanz für die Literaturwissenschaft unklar ist.
      Das Seminar möchte versuchen das verschwommene Profil der Cultural Studies durch Arbeit an ihrer Geschichte und Analyse ihrer Praxis zu schärfen. Einen gemeinsamen historischen Fluchtpunkt, auf den nahezu alle Ansätze innerhalb der Cultural Studies zulaufen, stellt der Marxismus dar. Ausgehend von den Marx'schen Texten selbst soll die Entwicklung eines hartnäckigen Gedankens verfolgt werden, der über fast zweihundert Jahre in unterschiedlichen Formen immer wieder Einfluss auf die Kultur- und Literaturwissenschaft genommen und dabei die Verzweigungen erzeugt hat, die sich nun als die Cultural Studies darstellen.
      Dabei kommen Fragen nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis, von Kultur und Gesellschaft und von Literatur und Wissenschaft in den Blick. In der Lektüre von Autoren wie Lukács, Eagleton, Jameson, Greenblatt oder Rancière soll dabei klar werden, wie die verschiedenen Ansätze, die aus der marxistischen Kulturtheorie entstanden sind, sich zueinander verhalten, welches gemeinsame Problem sie zu lösen versuchen und wie ihre Lösungen für die literaturwissenschaftliche Arbeit fruchtbar gemacht werden können. So mag sich herausstellen, dass die Cultural Studies ein einheitlicheres Feld darstellen, als auf den ersten Blick klar wird, – und dass sie tatsächlich Antworten auf literaturwissenschaftliche Fragen zu geben vermögen, die ohne den Marx'schen Impuls wohl unfragbar geblieben wären.
  • Summer 2017, LMU Munich

    • Das vergangene Jahrhundert sah eine inflationäre Zahl von sogenannten 'Postepochen' – von Poststrukturalismus über Postkolonialismus zur nebulösen Postmoderne. Besonders aktuell scheint gerade die Wortschöpfung des 'Postfaktischen' zu sein. Es stellt sich unmittelbar die Frage, ob diese Epochen ein wirkliches Phänomen oder nur ein theoretischer Hype sind – und ob sie tatsächlich exklusiv dem 20. Jahrhundert zugehören.
      Das Seminar behandelt die Frage nach der Existenz solcher Epochen, ihrem Status und ihrem Verhältnis zu den vorangehenden Epochen. Dabei kommen Fragen in den Blick wie die, ob nicht bereits der römische Manierismus oder die Renaissance einen 'postepochalen' Charakter aufweisen, ob sich eine fixierbare 'Schwelle' zwischen Strukturalismus und Poststrukturalismus auffinden lässt, ob die Postmoderne existiert und wie der Begriff von einer Postepoche überhaupt fassbar ist, wenn doch jede Epochenstrukturierung von Zeit stets ex post stattfindet. Textgrundlage werden sowohl literarische Texte, als auch Texte zur Theorie von Zeit, Kultur und Sprache sein. Dabei sollen verschiedene Perspektiven durchgespielt werden – von Blumenberg über Gadamer zu Kristeva und Derrida.

Publications

Books


  • (https://verlag.koenigshausen-neumann.de/)
    Obwohl der Begriff der Kultur für die Geisteswissenschaften unerlässlich zu sein scheint, ist er theoretisch oft unbestimmt geblieben und changiert zwischen Konzeptionen von Kultur als Artefakt oder Institution, als Komplex von Werten oder als Zeichensystem. Christopher J. Rudoll entwirft in diesem Essay eine Anatomie kultureller Operationen und zeigt, dass Bestimmungen von Kultur, die deren Verankerung in autointerpretativen Handlungszusammenhängen und ihre Tendenz zur Reifikation von Prozessen ausblenden, notwendig zu kurz greifen. Das resultierende Konzept bezieht wichtige Theorietraditionen von Cassirer über Castoriadis bis Giddens aufeinander und macht Phänomene wie Aition, Kitsch oder Ware besser verständlich. In einem zweiten Teil greift der Essay drei konkrete historische Zusammenhänge auf. An den Momenten der Entstehung der Literatur in der Antike, der Konstitution des revolutionären Subjektes in der Französischen Revolution und im britischen Chartismus und der Jazz- und Cocktail- Kultur des 20. Jahrhunderts wird gezeigt, wie Kultur in Operationen konstituiert wird – oder: wie man Kultur macht.

  • (Open Access unter https://www.transcript-verlag.de/978-3-8394-7136-4)
    Nicht erst seit dem Aufkommen des Begriffs der »Cancel Culture« scheint es, als könne man schlicht nicht mehr miteinander reden. Die unterschiedlichen Konzeptionen von Ziel und Methode, also von der Strategie gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, variieren so stark, dass sie schlicht nicht mehr kommensurabel sind. Diese Situation lässt sich als das Resultat einer langen Geschichte strategischer Entwürfe und Gegenentwürfe begreifen. Christopher Jakob Rudoll gibt anhand der Beispiele von Marxismus, Katholizismus und Feminismus einen systematischen Überblick über Debattenkulturen in Theorie und Praxis seit den 1920er-Jahren – und hilft somit, die aktuelle Sprachlosigkeit besser zu verstehen.

  • (Open Access unter https://doi.org/10.5282/oph.1)
    Im 20. Jahrhundert fand sehr plötzlich und ohne unmittelbar ersichtlichen Grund eine Entwicklung statt, die man nur als Inflation von ›Post-Epochen‹ bezeichnen kann. Eine nicht erschöpfende Liste enthielte etwa die Post-Moderne, den Post-Strukturalismus, den Post-Kolonialismus, den Post-Feminismus und einige Dutzend weiterer Post-Ismen. Die vorliegende Studie bietet eine systematische Untersuchung dieses Phänomens. Ausgehend von so unterschiedlichen kulturellen Phänomenen wie der Renaissance Petrarcas, den poststrukturalistischen Theorien des 20. Jahrhunderts oder dem Post-Bop in der Geschichte des Jazz wird eine Theorie sozialer Zeit entworfen, die es erlaubt, die spezifische Struktur von Post-Epochen, ihre soziale Konstitution sowie ihre plötzliche Inflation kategorial zu fassen und in ihrer operationalen Verfasstheit zu begreifen. Dies relativiert einerseits den Exklusivitätsanspruch des vergangenen Jahrhunderts auf die beliebte Vorsilbe Post- und verweist andererseits auf ein Desiderat kulturtheoretischer Erforschung sozial-temporaler Konstrukte, zu der diese Untersuchung ein Instrumentarium bieten will.

Papers

  • „Auf Pinien oder Tannen. Zur Existenz des Literarischen" (forthcoming).
  • „Hegel und Petrarca. Zur Literatur in drei Negationen", in: Literatur und Arbeit, hg. v. Vid Stevanović u.A., Berlin: Frank & Timme 2018, pp. 75-83.
  • „Der konzeptuelle Raum Paul de Mans. Wissenschaftstheoretische Untersuchung des Bedarfs an Wahnsinn in der Literaturwissenschaft“, in: Literatur und Wahnsinn, hg. v. Helene von Bogen u. A., Berlin: Frank & Timme 2015, pp. 135-143.
  • „Wann Gewalt Schuld erzeugt. Rezeptionsästhetische und narratologische Konsequenzen einer diskursanalytischen Überlegung“, in: Spannungsfelder: Literatur und Gewalt. Tagungsband des 3. Studierendenkongresses der Komparatistik, hg. v. Thomas Erthel u.A., Frankfurt/Main: Peter Lang 2013 (= Münchener Studien zur literarischen Kultur in Deutschland, hg. v. Oliver Jahraus, Bd. 46), pp. 123-132.
 

Habilitation Project

In 2025 I started working on my habilitation thesis in Comparative Literature titled Die Erfindung der Revolutionsliteratur: 1745-1852 aus kulturtheoretischer Perspektive which will focus on both popular and 'high' literature(s) in the run-up to the French Revolution, in its aftermath and especially in British Chartism.